Tilman-Riemenschneider-Gymnasium Osterode am Harz
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Carolina große Darrelmann berichtet aus Japan

Am 20. September erreichte die Schule eine E-Mail:

Liebes Gymnasium,

ich habe mich bis jetzt noch gar nicht gemeldet, deshalb werde ich es jetzt mit meiner Rundmail tun. Eine Frage nebenbei, was gibt es Wichtiges an Schulstoff, was ich schon jetzt anfangen koennte zu lernen? Ich liege naemlich mehr oder weniger auf der faulen Haut, da ich im Unterricht meiner japanischen Schule nicht teilnehmen muss ( und auch noch gar nicht kann). Es waere schoen, wenn ich ein paar Informationen bekommen koennte. Viele Gruesse an das Kollegium und alle anderen, die fuer der Schule arbeiten. Besondere Gruesse an Herrn Boetel, Herrn Nordmann und Frau Labenski! Nochmals vielen Dank fuer die Unterstuetzung meines Auslandsjahres.

Herzliche Gruesse, Carolina



Hallo ihr lieben in Deutschland und auch in der weiten, weiten Welt,

Heute vor 6 Monaten habe ich mich in den Flieger gesetzt, um etwas neues kennenzulernen und mich nicht zu sehr von deutschen Ansichten fesseln zu lassen. Deshalb dachte ich mir, eine kleine email ist vielleicht mal angebracht.

Die erste Haelfte meines Austauschjahres ist ja nun auch shcon vorbei und ich sage mal, dass ich zufrieden bin mit dem, was ich ueber die Japaner (und ueber mich selbst) gelernt habe. Jetzt bei 6 Monaten faellt es mir natuerlichnoch schwerer, alles zu erklaeren und aufzulisten, was ich bis jetzt erlebt habe, oder Erklaerungen abzugeben, fuer Dinge, die ich jetzt anders sehe als vorher.

Ich bin schon ein bisschen eingetaucht in die Struktur der japanischen Gesellschaft, aber ich bin mir sicher, dass da noch sehr vieles fehlt. Es heisst ja, dass die Japaner so ruhig und besonnen und in sich gekehrt sein sollen, davon habe ich noch nicht allzuviel gemerkt, aber ich moechte dieses verhuellte Geheimnis auch noch entdecken. Ich erlebe nicht allzuviele spannende Dinge und habe noch nicht sehr viele auserhaeusige Erlebnisse gehabt (die Japaner haben halt nicht so viel Zeit fuer Freizeitbeschaeftigungen und wenn, dann sind sie ganz anders als die deutschen), aber ich habe eine Menge neue Gedanken gefunden, was man sich anhand meines eher langweilig aussehenden Lebens hier gar nicht so vorstellen kann.

Ich war bereits in Ise und Nara, zwei alte Staedte. Nara ist die Hauptstadt vor Kyoto gewesen. Die Gebaeude sind wirklich schoen, nur leider sind meine Eltern mit mir nach japanischer Art durch die Stadt gehetzt, dass ich vor lauter Erschoepftheit kaum etwas von der Schoenheit mitgekriegt habe. Aber ich habe viele Fotos gemacht und da mich die japanische Architektur sehr interessiert, habe ich jetzt viele Beispiele auf dem PC. Eines hat uebrigens Eindruck auf mich gemacht, es war die riesige Daibutsu, Buddhastatue. Zwar ist sie echt monstroes, aber nciht allein die Groesse ist es, sondern wenn man dran vorbei geht, zieht sie viel langsamer an einem vorbei, sie bewegt sich durch die Groesse und Hoehe mit viel mehr Ruhe als die kleinen Statuen. Das gibt ihr irgendwie einen Ausdruck von Allwissenheit. Es ist schwierig zu beschreiben, auf jeden Fall haben die Erbauer da ein ganz schoenes Werk getan und gut die Wahrnehmung des Menschen abgeschaetzt. Die japanischen Gaerten sind auch kleine Wunderwerke, egal von welcher Seite man sie betrachtet, sie sehen immer shcoen aus, aber auch immer anders, man kann also immer neue Gaerten entdecken.

Ich habe auch schon den Unterschied zwischen deutschem und japanischen Charakter zu spueren bekommen. Ich hatte zunaechst lange Zeit keinen persoenlichen Kontakt mehr zu Deutschen gehabt, aber als ich mal wieder welche getroffen habe, war ich zunaechst geschockt, wie wir Deutschen doch eigentlich sind. Ich hatte mich so an die japanischen Verhaltensweisen gewoehnt, dass ich wahrscheinlich selbst schon ein bisschen so gewoerden bin und hatte so einen kleinen sprung ins kalte Wasser. Das war aber andererseits wieder ein kleiner Anreiz in meinen langweiligen Leben und ich habe mal wieder eine neue Erkenntnis gemacht.

Es gibt uebrigens eine Sache, die mich richtig stoert, und das ist, dass ich von Fremden haeufig mit Englisch angesprochen werde. Sicherlich koennen die nicht ahnen, dass ich japanisch sprechen kann, aber es geht da eigentlich auch nicht genau um das Englische, sondern ich habe mich jetzt an die Japaner gewoehnt, habe japanisch (mehr oder weniger) gelernt und bin im Herzen ein bisschen japanisch geworden. Woran ich aber ueberhaupt nicht denke, ist, das ich ja gar nicht wie ein Japaner aussehe und die Leute mich deshalb immernoch als Auslaender ansehen. Selbst Leute, die wissen, dass ich Japanisch sprechen kann und mit denen ich mich auch auf Japanisch unterhalte, benutzen immernoch englische Worte, natuerlich nur einfache, die sie selber koennen, sowelche, die ich im japanischen in der ersten Woche gelernt habe. Kann einen das nicht aufregen? Mein Gastvater ist aber ganz cool, wenn er mich irgendwo vorstellt, sagt er, dass ich Japanerin waere *g *. Ich glaube, er versteht mich ganz gut..

Ich habe mal einfach aufgeschrieben, was mir gerade eingefallen ist, es gibt noch tausend mehr Dinge, aber sie fallen mir gerade nicht ein. Ich hoffe, es klingt nicht allzuwirr und man kann sich etwas von meinem Leben darunter vorstellen. Das Schwierige ist halt, dass mich ganz andere Dinge interessieren, als die, die nicht so viel ueber Japan wissen. Deswegen freue ich mich natuerlich ueber Mails mit Fragen, die ich gerne beantworte. Diese Mail geht an sehr verschiedene Leute, auch an andere Austauschschueler und ich faende es schoen, wenn auch ihr mir mal etwas von euren Eindruecken schreiben wuerdet. An die AFS Japaner, ich hoffe, ich habe euch nicht zu sehr mit Bekanntem gelangweilt. Lasst mal wieder was von euch hoeren, ich bin gespannt auf eure Japaneranalyse!!!!!!

Viele liebe Gruesse an alle (und glaubt mir, ich vermisse Deutschland schon ein bisschen!!!!)

Eure Carolina


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