Tilman-Riemenschneider-Gymnasium Osterode am Harz
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Eine Klausur ohne Papier - geht das überhaupt?
Diese Frage stellten sich nicht nur die Teilnehmer des Politik-Kurses "Die Zukunft der Arbeit" im 12. und 13. Jahrgang. Schließlich ist eine Klausur ein Dokument und sollte möglichst fälschungssicher sein. Und überhaupt: eine Klausur am Computer schreiben und auch noch das Internet benutzen dürfen, das kann doch nicht gut gehen. Diese Zweifel kamen mir immer berechtigter vor. Mein Plan, nicht ständig über die Veränderungen in der Arbeitswelt zu diskutieren, sondern sie auch in der Praxis der Schule umzusetzen, erschien mir logisch und den Schülern eher abenteuerlich, womit sie im Nachhinein auch nicht ganz Unrecht hatten. Grundlage für dieses Experiment war ein Artikel in "CHRISMON" (H.10/03), in dem über die Zukunft der Arbeit diskutiert und anschließend ein Internetforum angeschlossen wurde. Der Artikel wurde im Unterricht behandelt, während die Auseinandersetzung mit einem fremden Beitrag aus dem Forum in der Klausur erfolgen sollte. Die Schüler erhielten nur die Internetadresse, um diesen Beitrag zu finden, und die Erlaubnis auch andere Informationen aus diesem Forum speziell oder dem Internet allgemein aufrufen zu können. Abschließend sollten sie zu dieser Form der Leistungsüberprüfung Stellung nehmen.

Mein Ziel war u.a. den Schülern zu zeigen, wie notwendig es bei der Arbeit mit Texten aus dem Internet ist, deren Inhalt im Kopf zu behalten. Das schnelle Wechseln zwischen verschiedenen Texten heißt ja noch lange nicht, dass man sie genauso schnell verstanden hat, und, was noch viel wichtiger ist, dass man weiß, was man mit ihnen anfangen kann. Hier wurden plötzlich von den Internet-Usern ganz altmodische Gedächtnisleistungen verlangt und dies auch noch unter dem Zeitdruck einer Klausur. Der Punkt ging jedenfalls an mich.

Bei der technischen Durchführung der Klausur holten aber die Schüler gut auf. Eigentlich sollte alles ganz einfach sein. Kollege Meyer richtete mir den Desktop schön her. Ich bräuchte nur Aufgaben austeilen bzw. einsammeln anzuklicken und alles würde klappen. Weshalb das Einsammeln dann doch zum Chaos wurde, ich mir in meiner Not die Klausuren an meine eMail-Adresse schicken ließ, und bei einer Schülerin 3 Seiten verloren gingen, soll nur an einer klitzekleinen Inkompetenz meinerseits gelegen haben, die in Zukunft leicht zu vermeiden sei. Dass nun alle Klausuren doch noch den Weg auf meinen privaten PC fanden, liegt an der ganz wesentlichen Voraussetzung für diesen Versuch: Sämtliche Aktivitäten der Schüler am schuleigenen PC werden nämlich protokolliert. So kann der Lehrer jederzeit überprüfen, welche Seiten aufgerufen werden, ob sich die Schüler eMails senden, sich in einem Chatroom treffen, auf den heimischen PC zugreifen oder ganz einfach Teile ihrer Lösung verbaselt haben. Diese Kontrolle wäre übrigens nicht mehr nötig, wenn wir in unserer Schule über ein Intranet verfügten und somit den Zugriff auf virtuelle Hilfsmittel einschränken könnten.

Was nun die Korrektur angeht, so eröffnen sich erheblich verbesserte Möglichkeiten. Als Lehrer bin ich nicht mehr auf den schmalen Rand eines Heftes angewiesen, sondern kann direkt rot in die Klausur hineinschreiben, so dass der Schüler genau weiß, worauf ich mich beziehe. Ich kann ganze Passagen des Schülers umstellen, neu formulieren oder streichen, ohne dass die ursprüngliche Fassung verloren geht oder unlesbar wird. Probleme mit der Textgestaltung/Handschrift entfallen. Lehrer wie Schüler müssen nicht mehr mit unleserlichen Einfügungen arbeiten, wenn ihnen beim erneuten Durchlesen bessere Formulierungen einfallen. Gedankenwiederholungen können die Schüler am PC leicht beheben, so dass ihre Arbeit wesentlich stringenter wirkt.

Allerdings ist die Korrektur von Rechtschreib- oder Tippfehlern wesentlich zeitraubender, dafür ist sie insgesamt gesehen für die Schüler transparenter und die mündliche Nachbesprechung der Klausur/Korrektur entfällt weitgehend.

Bevor nun die korrigierten Arbeiten an die Schüler geschickt wurden, wurde eine Kopie auf einem Ordner der Schule archiviert, um nachträgliche Veränderungen der Klausur/Korrektur zu verhindern.

Abschließend lässt sich feststellen:
Eine Klausur kann ohne Papier durchgeführt werden. Die Sicherheitsbedenken im Bereich der Täuschungsmöglichkeiten sind minimierbar und erscheinen nicht größer als bei einer herkömmlichen Klausur.

Jürgen Schwalm
Raphael Speckhals hat sich damit einverstanden erklärt, seine Klausur zu veröffentlichen.

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