Tilman-Riemenschneider-Gymnasium Osterode am Harz
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Späte Würdigung schwieriger DDR-Fahrten

Sonder-Ausstellung "drüben. Deutsche Blickwechsel" im "Haus der Geschichte" in Bonn zeigt Materialien von Schülern des Tilman-Riemenschneider-Gymnasiums Osterode

Am 7. Dezember 2006 wurde im "Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" (HDG) eine Sonderausstellung unter dem Titel "Drüben. Deutsche Blickwechsel" eröffnet. Hans Mittmann, Oberstudienrat i.R. des Osteroder Tilman-Riemen- schneider-Gymnasiums, wurde wie 60 - 70 andere Deutsche gebeten, dafür aussagekräftige Materialien von Schülern über Begegnungen und Erlebnisse während der von ihm in den 1980-er Jahren organisierten Tages- und Mehrtagesfahrten in die DDR zur Verfügung zu stellen. Aufmerksam wurde man im HDG auf ihn durch einen Aufsatz im "Deutschland Archiv" 6/2004, in dem er über die Fahrten berichtet hatte.*
Die Ausstellung zeigt die unterschiedlichen Blickwinkel auf, die Menschen der jeweils anderen Seite für den Nachbarstaat - Bundesrepublik Deutschland bzw. Deutsche Demokratische Republik - hatten. Über 40 Jahre deutsche Teilung werden so aus der Sicht von Betroffenen verdeutlicht: Von Familien, die
auseinandergerissen wurden, von Sportlern und ihren Fans, von Besuchern im privaten oder geschäftlichen Bereich (Leipziger Messe), von "Republikflüchtlingen" und legal Aus- bzw. Eingereisten, von Journalisten, Künstlern und kirchlich engagierten Menschen, aber auch aus der Sicht von Jugendlichen beider Seiten.
Konnten Westdeutsche seit den 1970-er Jahren relativ problemlos in die DDR einreisen, so nahmen die Ostdeutschen das Leben im Westen vor allem über den Empfang des Westfernsehens wahr. Im "Zonenrandgebiet", zu dem auch Osterode gehörte, konnte (fast) jeder Einzelne nach Beantragung eines Visums zu Tagesbesuchen in grenznahe Kreise der DDR fahren. Schulklassen aus dem gesamten Bundesgebiet konnten Mehrtagesreisen buchen, bei denen sie jedoch immer eine "ständige Begleitung" bekamen, die für die Einhaltung der Fahrtroute und die "richtigen" Ziele und Ansprechpartner sorgte.
Mittmann verstand es, bei den von ihm geleiteten Mehrtagesfahrten in die DDR diese Begleitung immer wieder "auszutricksen" und so mit seinen Schülergruppen außer der offiziell vorgesehenen Begegnung mit der staatlich gelenkten FDJ auch kirchliche Jugendkreise der "Jungen Gemeinde" zum offenen Gespräch aufzusuchen. Dadurch wurde den Gruppen ein recht objektiver Einblick in den Alltag der DDR ermöglicht. Eine für die Bundesrepublik aber wohl einmalige Art der Kontaktaufnahme mit ideologisch nicht gebundenen Jugendlichen waren die Tagesfahrten des Gymnasiums im grenznahen Bereich nach Nordhausen, Mühlhausen und später auch Leinefelde. Dies geschah mit einem zwar aufwendigen, aber recht einfach aussehenden und noch dazu legalen Verfahren:
Die Schüler der jeweiligen 11. Klassen bestellten ein persönliches Tagesvisum und reisten mit öffentlichen Verkehrsmitteln unangemeldet über den Grenzübergang
Duderstadt mit ihrem Lehrer in die DDR ein - zwar als Klasse, aber doch einzeln. So bekamen die Gruppen keine "ständigen Begleiter", und die Ziele konnten - nur begrenzt durch einschränkende Fahrpläne - frei gewählt werden. Freunde in Nordhausen, die im kirchlichen Bereich stark engagiert waren, sorgten über ihnen bekannte Pfarrer in den Zielorten für die entsprechenden Jugendgruppen. Mehrere Lehrer des Gymnasiums Osterode (vorzugsweise Erdkunde-Lehrer, die ja alle auch Politik unterrichten müssen) unterstützten die von Mittmann organisierten Fahrten und begleiteten wie er die Klassen: Hier sollten besonders Herr Ahrens und Herr Trentmann erwähnt werden, die jedes Jahr dabei waren. Von 1985 bis zur "Wende" 1989 konnte auf diese Weise ungefähr 400 Schülerinnen und Schülern ein ideologisch nicht eingefärbtes Bild des zweiten deutschen Staates vermittelt werden.
In der Ausstellung in Bonn werden an einer Stellwand von diesen Fahrten 10 Fotos mit unterschiedlichen Osteroder Schülergruppen in typischen Situationen im DDR-Alltag gezeigt. Daneben ist der Bericht eines Schülers von einer Tagesfahrt nach Nordhausen im Faksimile wiedergegeben. Auf einem Tisch davor kann der Besucher in fünf weiteren Berichten solcher Tagesfahrten blättern; daneben sind, ebenfalls zum Blättern, Auszüge aus den umfangreichen Berichten der letzten Mehrtagesfahrten 1987 (Jg. 12) und 1989 (Jg. 11) ausgestellt. Im Begleitbuch zur Ausstellung sind Osteroder Schüler auf Bildern zu sehen; auch das als Collage gestaltete Titelblatt des Berichts einer Mehrtagesfahrt ist wiedergegeben. Im "Museumsmagazin" 4/2006, der Zeitschrift der "Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland", sind zwei Seiten speziell den Fahrten des Gymnasiums Osterode gewidmet.

Es ist erfreulich, dass fast 20 Jahre nach der Grenzöffnung diese Ausstellung ein weitgehend unbekanntes Thema aufgreift. Und für das Tilman-Riemenschneider-Gymnasium und die damals beteiligten Lehrer, die mit ihren Gruppen bei Tagesfahrten mehr als 16 Stunden lang z. T. unter widrigsten Bedingungen unterwegs waren, ist der von ihnen mitgestaltete Bereich eine späte Würdigung ihrer Mühen.
Die Ausstellung wird bis zum 9. April in Bonn gezeigt und wird vom 30. Mai bis September oder Oktober in den Räumen des "Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig (ZFL)" in Leipzig zu sehen sein, einer Unterabteilung des HDG. Das ZFL war auch die Institution, die diese Sonderausstellung entwickelt und zusammengestellt hat.
(Hans Mittmann, 6. März 2007)

* Mittmann, Hans, Die DDR "erfahren". Unkonventionelle Tagesfahrten mit Schülern in die DDR.
   In: Deutschland Archiv - Zeitschrift für das vereinigte Deutschland 6/2004, S. 1012 - 1018


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