Tilman-Riemenschneider-Gymnasium Osterode am Harz
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Aus der Festschrift
anläßlich des 44jährigen Bestehens
des Vereins ehemaliger Osteroder Pennäler
am 15., 16. und 17. Mai 1948

Willkommensgruß

Es ist mir eine ganz besondere Freude, den Mitgliedern des V. e. 0. P. zum 44. Geburtstag ihres Vereins die Glückwünsche und Willkommensgrüße ihrer Alma mater auszusprechen. Lehrer und Schüler der Anstalt haben den einen Wunsch, daß Sie alle in den Mauern Ihrer alten, schönen Jugendstadt recht frohe Stunden des Zusammensems, des Wiedersehens und der Erinnerung verleben möchten. Wir freuen uns und sind stolz darauf, daß Sie Ihre Anhänglichkeit zu Ihrer alten Schule bewahrt haben und möchten der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß sich die Bande, die Sie mit Ihrer alten Schule und uns verbinden, nur noch fester knüpfen.
Böttger, Oberstudiendirektor.
Oberstudiendirektor Wilhelm Böttger wurde am 18. März 1888 in Herzberg (Harz) als Sohn des Oberzollinspektors Böttger aus Förste (Harz) geboren. Er besuchte das Gymnasium in Züllichau und studierte Botanik, Zoologie, Chemie mit Mineralogie und Geologie und Mathematik vor allem in Göttingen. 1919 wurde er Studienrat am Staatlichen Gymnasium mit Oberrealschuie in Landsberg (Warthe), 1926 Oberstudienrat an der Städtischen Oberschule für Mädchen daselbst. Bis zum Eindringen der Russen im Januar 1945 war er dort tätig. Nach 8monatiger Arbeit im Walde und in der Landwirtschaft erhielt er Ostern 1946 einen Beschäftigungsauftrag an der hiesigen Anstalt. 1 Jahr später übernahm er als Oberstudiendirektor die Leitung der beiden hiesigen städtischen Oberschulen.
Er kommt zu uns nicht als Fremder. Sein Vater hat von 1868—1877 bis zum Abitur unsere Anstalt besucht, und verschiedene Vorfahren von ihm sind Schüler der Anstalt gewesen. Land und Leute unserer Gegend sind ihm vertraut. Naturwissenschaftliche Studien und Familienforschung haben ihn sehr viel die hiesige Gegend durchwandern lassen. Das gefundene Material ist von ihm in einer eingehenden Chronik des Geschlechts Böttger, das bis 1938 in Osterode ansässig war und dann in Förste mit Land belehnt wurde, zusammengefaßt.
Der Zusammenbruch im Osten hat ihn das ganze traurige Flüchtlingsschicksal und Flüchtlingselend kennenlernen lassen. Seine ganze Arbeit gilt der Aufgabe, den alten Ruf der Anstalt zu bewahren, den Flüchtlingen ihr hartes Los zu erleichtern und der gesamten Jugend die geistigen Kräfte für den Lebenskampf zu vermitteln.

Aus der Chronik der Anstalt

Vor 9 Jahren hatte der V. e. 0. P. zum letzten Mal seine Mitglieder hier versammelt. Die folgenden Jahre, die über Deutschland so viel Leid und Elend brachten, fügten auch unserer Anstalt schwere Wunden zu.
Mit Kriegsausbruch mußte das Hauptgebäude geräumt und der Wehrmacht zur Verfügung gestellt werden. Der Leiter der Anstalt, 4 Lehrer und die älteren Schüler gingen ins Feld. Herr Oberstudienrat Gerlach übernahm in Vertretung des Direktors bis März 1947 die Leitung der Anstalt.
Der Unterricht in allen Klassen wurde durch die Kriegsverhältnisse von Jahr zu Jahr in immer stärkerem Maße in Mitleidenschaft gezogen. Häufiger Einsatz von Schülern zu Sammlungen aller Art z. B. von Heilkräutern, Spinnstoffen und Altmaterial, zum Kartoffelkäfersuchdienst, zum Landdienst usw. erschwerten die Schularbeit sehr, die durch Raum- und Lehrermangel, sowie durch Kohlenferien schon stark litt.. Von 1943 ab waren die Schüler der Oberklassen als Flakhelfer bei der Talsperre eingesetzt. Neben ihrem Dienst wurden sie von einigen Lehrkräften der Anstalt in einzelnen Fächern unterrichtet. Im September 1944 gingen 2 Lehrer mit Schülern der Oberklassen zu Schanzarbeiten nach Holland. Häufiger Fliegeralarm machte eine erfolgreiche Arbeit in den Unter- und Mittelklassen immer illusorischer. Das Hauptgebäude, das nach der ersten Beschlagnahme wieder für Unterrichtszwecke freigegeben war, mußte mehrfach für andere Zwecke, z. B. als Lazarett hergerichtet werden, zeitweise Teile der 0. T. aufnehmen.
Ab Februar 1945 hörte der gesamte Klassenunterricht auf. Nur alle 8 Tage versammelten sich die Schüler im Kurparksaal, um Aufgaben in Empfang- zu nehmen oder abzugeben. Auch die Nebengebäude wurden jetzt von der 0. T. benutzt.
Im Juni 1945 mußte das Hauptgebäude durch die Bevölkerung gereinigt und den Polen zur Verfügung gestellt werden, die zunächst das Gebäude für Wohnzwecke benutzten, später dort eine polnische Schule einrichteten.
Bis September 1945 ruhte der gesamte Unterricht. Alles schien wie erstarrt. Der Leiter der Anstalt, Oberstudiendirektor Stührenberg, und etwa 120 Schüler und frühere Schüler der Anstalt waren gefallen.
Erst am 2. Oktober 1945 begannen einige Klassen im Gebäude der Oberschule für Mädchen in der Scheffelstraße mit einem stark verkürzten Unterricht. Im Laufe der nächsten Monate folgten mehrere andere Klassen.
Besondere Fürsorge galt den Schülern, die frühzeitig und ohne Abschluß von der Schule zur Wehrmacht gegangen waren. Soweit sie bei ihrem Abgang den sog. Reifevermerk erhalten hatten, wurden sie in Uebergangskursen zusammengefaßt, die nach 6 Monaten mit der Reifeprüfung abschlossen. Der erste derartige Kursus begann im Oktober 1945. Ihm folgten 3 weitere. Im ganzen wurden auf diese Weise 160 Kriegsteilnehmer für die Reifeprüfung vorbereitet. Auch in die übrigen Klassen traten wieder viele frühere Schüler ein, die aus dem Feld, aus der Gefangenschaft oder aus Internierungslagern heimgekehrt waren. Hinzu kam die große Schar der Flüchtlinge und Evakuierten. Für die Lehrkräfte erwuchs die schwere, verantwortungsvolle Aufgabe, diese mißbrauchte, enttäuschte und mißtrauisch gewordene Jugend wieder in das Schulleben, zu strebsamer Arbeit und zur Lebensfreude zurückzuführen.
Da für beide Anstalten nur das Gebäude in der Scheffelstraße und das Nebengebäude in der Dörgestraße zur Verfügung standen, auch die Lehrkräfte nicht ausreichten, konnte jede Klasse nur an 3 Tagen Unterricht erhalten. Lediglich die Oberklassen wurden stärker herangezogen.
Nach sehr vielen Verhandlungen mit deutschen und englischen Dienststellen und mit der UNNRA gelang es im Juni 1947, auch das Hauptgebäude für Unterrichfszwecke frei zu bekommen. Wohl waren sämtliche Tische, Bänke, Stühle, Schränke, Lampen usw. abhanden gekommen, die meisten Fensterscheiben zertrümmert, physikalische und chemische Sammlungen stark ausgeplündert, Hunderte von Büchern verlorengegangen, das gesamte vorbildliche Handwerkszeug für den Werkunterricht verschwunden, wohl mußten umfangreiche Ausbesserungsarbeiten am Gebäude vorgenommen werden, aber das alles konnte die Freude, wieder in die alten vertrauten Räume einziehen zu können, nicht nehmen. Alle Kräfte wurden angespannt, die Stadtverwaltung scheute keine Ausgaben, frühere Schüler und Freunde der Anstalt und Eltern von Schülern halfen, und so konnten 3 Wochen nach Auszug der Polen die ersten Klassen in die alte Kaffeemühle wieder einziehen. Bis zum Oktober 1947 waren 9 Klassenräume, Bibliothek, Lehrer- und Direktorzimmer mit neuzeitlichen Tischen, Stühlen und Schränken ausgestattet, ca 300 Fensterscheiben ergänzt, wurde der Lehrkörper bedeutend erweitert, so daß von November 1947 ab beide Anstalten vollen lehrplanmäßigen Unterricht haben. In den nächsten Monaten soll die Turnhalle, die fast alle Turngeräte einschließlich sämtlicher Fensterscheiben eingebüßt hat, wieder in Stand gesetzt werden.
Es bleibt nun noch das Hauptsorgenkind, die Aula. Sie, die Jahrzehnte hindurch die Schüler zu ernsten und frohen Ferien vereint hat, das Schmuckstück der Anstalt, sie hat in den letzten Jahren ganz besonders gelitten. Ein großer Teil der 125 Jahre alten Malerei ist zerstört. Aber auch sie soll in alter Form und Schönheit wieder erstehen. Mit Hilfe des Landeskonservators sind 2 Maler gewonnen, die die Wiederherstellung übernommen haben. Sehr viel Sorgen hat zunächst die Beschaffung der dazu erforderlichen Materialien und Farben gemacht. Durch das große Entgegenkommen und die tatkräftige Hilfe einiger Mitglieder des V. e. 0. P. ist diese Frage gelöst worden. Ganz besonderen Dank gebührt dem gesamten V. e. 0. P. Er hat durch mehrere namhafte Spenden überhaupt erst mal die Möglichkeit geschaffen, an die Frage der Aularenovierung heranzugehen, und hat die ersten Materialien für diese Arbeit gekauft.
Wie liegen nun die Verhältnisse an den Osteroder Anstalten?
Die Oberschule für Mädchen war früher nach der hauswirtschaftlichen Form aufgebaut. Vor 3 Jahren wurde sie in eine sprachliche Form umgewandelt. Ostern 1947 wurde hier die letzte hauswirtschaftliche Reifeprüfung abgelegt.
Viel Beifall und mancherlei Widerspruch hat die neue Schulreform in weiten Kreisen der Bevölkerung ausgelöst. Ich freue mich, über diese Fragen beim Festakt im Kurparksaal zum V. e. 0. P. sprechen zu dürfen. Hier will ich nur kurz streifen, wie sich die Schulreform auf unsere Anstalt auswirkt.
Die Klassen 7 bis 11 haben Französisch als 2. Fremdsprache, Klasse 12 stattdessen noch Latein. Klasse 10 hat Latein als Wahlfach.
Die Oberschule für Jungen hat zwei 5. Klassen und zwei 6. Klassen. Klasse 10 ist in einen mathematischnaturwissenschaftlichen und einen sprachlichen Zweig gegabelt. Seit Ostern 1947 ist der Anstalt ein gymnasialer Zug angegliedert, der von Jungen und Mädeln besucht wird. Er umfaßt bis jetzt die Klassen 7 und 8. Die Anstalt führt seit dieser Zeit den Namen: Städtische Oberschule für Jungen mit gymnasialem Zug i. E. Durch diese bedeutsame Einrichtung können begabte Jungen und Mädchen auch auf unserer Schule dieselbe geistige Erziehung erhalten, wie sie das Gymnasium vermittelt. Zur Schülerfrequenz ist folgendes zu sagen: Der Andrang zu beiden Anstalten ist sehr gestiegen. Von 230 für die 5. Klasse angemeldeten Schülern und Schülerinnen konnten 150 aufgenommen werden.
Die Oberschule für Jungen hat 538 Schüler, darunter 237 einheimische und 271 auswärtige. Die Oberschule für Mädchen hat 300 Schülerinnen, darunter 168 einheimische und 132 auswärtige. Von den 403 auswärtigen Schülern und Schülerinnen benutzten täglich 163 die Kleinbahn, 78 kommen aus Herzberg, 23 aus Bad Lauterberg, 32 aus Bad Grund und Gittelde usw. Unter den 808 Schülern und Schülerinnen befinden sich 265 Flüchtlinge und 106 Evakuierte.
Der Lehrkörper beider Anstalten umfaßt 28 Lehrkräfte. Für diesen starken Schülerandrang waren natürlich die Klassenräume nicht ausreichend. Infolgedessen ist jeder Raum bis zum letzten Platz ausgenutzt. Trotzdem mußte mancher Schüler wegen Platzmangels abgewiesen werden. Wir haben z. Zt. 2 fliegende Klassen. Um diesen einen eigenen Raum zu geben, sollen die Hausmeisterwohnung und der Raum hinter dem chemischen Arbeitsraum zu Klassenräumen ausgebaut werden.
Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß wir seit l. März 1948 an den Anstalten die Hooverspeisung haben, an der 275 vom Kreisarzt ausgesuchte Schüler und Schülerinnen teilnehmen.
Die vorstehenden Ausführungen dürften gezeigt haben, daß trotz des Niederganges die Stadt- und Kreisverwaltung Osterode dankenswerterweise alles tun, um hier ein Bildungs- und Kulturzentrum zu schaffen, auf das wir alle stolz sein können.
Böttger

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