Tilman-Riemenschneider-Gymnasium Osterode am Harz
QuickJump:         Suche:

Ingenieurmangel und Ärzteschwemme? Prognose über Hochschulabsolventen liefert Antwort

"Was mache ich nach der Schule?" Diese entscheidende Frage stellen sich viele Schüler gegen Ende ihrer Schulzeit. Für Abiturienten stehen meist die Wege in eine gehobene berufliche Ausbildung, in ein Fachhochschulstudium oder ein Universitätsstudium zur Auswahl. Die Leitfrage ist dabei längst nicht immer: "Was will ich werden?", sondern "Wo habe ich Chancen?" und "Wo gibt es annehmbare Arbeitsbedingungen?"

Wissenschaftliches Studium als Notlösung

Schwierig wird die Entscheidung, wenn das persönliche Interesse an einem bestimmten Beruf nur geringe Chancen auf Verwirklichung hat. Dabei sei nicht nur an den längst bekannten Fall der zwar hervorragenden, aber trotzdem um einige Zehntel zu schwachen Abiturnote für den Numerus Clausus gedacht. Seit einiger Zeit sehen sich gerade Abiturienten mit schwachem Notenbild hinsichtlich ihres Berufsziels noch ungünstigeren Sachzwängen ausgesetzt. Das Auswahlverfahren vieler Betriebe führt nämlich dazu, dass ein Abiturient mit guter Eignung wegen noch besserer Konkurrenz den Ausbildungsplatz nicht erhält. Wenn er sich dann um einen Studienplatz für ein Fachhochschulstudium bemüht, aber wegen zu schlechter Durchschnittsnote im Abitur eine zu lange Wartezeit erhält, liegt die Entscheidung nahe, lieber ein wissenschaftliches Studium an der Universität zu beginnen. Aber hierfür bringt besagter Abiturient von allen genannten Möglichkeiten nur noch die geringste Eignung mit. Nun gibt es auch Schüler, die noch vor dem Abitur erkennen, dass sie einen interessanten Ausbildungsplatz nie erreichen werden und dem Leistungsdruck an Fachhochschulen nicht standhalten können. Deshalb fällt die Wahl des Studienfachs unter das Motto: "Ich bekomme sowieso keinen Job und werde deshalb das Leben genießen und studieren, wozu ich Lust habe." Lange Studiendauern sind dann nicht selten. Solche Entscheidungen sollen hier nicht dem Einzelnen angelastet werden. Die genannten Sachzwänge nach dem Abitur führen fast zwangsläufig in eine Sackgasse. Dabei werden die Weichen für bessere Startbedingungen weit früher gestellt. Oft ist bereits das Lernverhalten des Schülers in der Mittelstufe und die anschließende Kurswahl vermeintlich gleichwertiger Fächer in der Oberstufe die Ursache der späteren Misere. Es darf nicht angehen, dass die Selbstverwirklichung in der Schule die Chancen zur Selbstverwirklichung im späteren Leben verhindert. Nach langem und nicht unbedingt erfolgreichem Studium kommt es bei den Hochschulabsolventen immer wieder zu der falschen Erwartungshaltung, die lange Ausbildungszeit alleine führe zu einer angemessenen Beschäftigung mit herausragendem Einstiegsgehalt. Dringend nötig zur Behebung der Misere ist, dass sich die Erkenntnis durchsetzt, dass sich Leistung lohnt, wie Schule die Leistung auch abrufen muss.... KMK-Prognose allgemein bis 2015, nach Fächergruppen bis 2004 Über die Bewegung bei den Kurswahlen innerhalb der letzten Jahrzehnte wurde in "Gymnasium in Niedersachsen" wiederholt berichtet. (vgl. "Mitteilungen", Heft 2/98, S. 20ff.) Ebenso aufschlussreich sind die Statistiken bzw. Prognosen der Kultusministerkonferenz (KMK) über die Wahl der Berufswege der Abiturienten und die Fächerwahl der Studenten, die im Sonderheft 90 "Quantitative Entwicklungen im Schul- und Hochschulbereich bis 2015" der KMK veröffentlicht wurden. Die Prognose, wie die Hochschulabsolventen über die Fächergruppen verteilt sind, reicht bis zum Jahr 2004. Die davon betroffenen Studenten studieren bereits fast alle, diese Prognose ist somit als recht gesichert anzusehen. Eine zeitlich darüber hinausgehende Prognose anhand des vorhandenen Verteilungstrends und der zu erwartenden Anzahl an Hochschulabsolventen wird seitens der Kultusministerkonferenz für die einzelnen Fächergruppen nicht angegeben.

 

Universität und Fachhochschule

Die Analyse der KMK zu den Berufswegen der Abiturienten in der Abbildung 1 zeigt in absoluten Zahlen sowohl die Einflüsse der demografischen Entwicklung als auch die Veränderungen der relativen Anteile. In der folgenden Tabelle sind die zu erwartenden relativen Anteile (in %) an Hochschulreifeabschlüssen und Studienanfängern angegeben. Bei den Studienanfängern sind auch Absolventen aus dem berufsbildenden Schulwesen und Studienanfänger mit einer Eignungsprüfung statt der Hochschulreife mit enthalten. Die Abbildung 1 zeigt neben der natürlichen zeitlichen Verschiebung der Daten der Hochschulabsolventen gegenüber den Studienbeginnern auch, dass an den Fachhochschulen im Vergleich mit den Universitäten relativ gesehen mehr Studenten den Abschluss erreichen. Während bei den Universitäten die Zahl der Absolventen etwa ein Viertel unter der Zahl der Anfänger liegt, beträgt diese Differenz bei den Fachhochschulen nur etwa ein Sechstel. Als Gründe dafür mögen die engere Betreuung in der schulähnlicheren Struktur der Fachhochschulen und die klareren Vorstellungen der Studenten über die Studiengänge einer Fachhochschule im Vergleich mit den Studiengängen der Universität gelten. Auch ist oftmals die Qualifikation der Studienanfänger an einer Fachhochschule höher als die der Universitätsstudenten, was sich aus den oben beschriebenen Entscheidungswegen ergibt.

Weniger Naturwissenschaftler, mehr Wirtschaft u. Soziales

Die Abbildung 2 zeigt die bis zum Jahr 2004 zu erwartende Verteilung der Hochschulabsolventen in den einzelnen Fächergruppen entsprechend der Prognose der KMK. Auch hier überdecken sich in der absoluten Betrachtung die demoskopische Gesamtentwicklung mit Veränderungen in der relativen Verteilung. So sinkt die Anzahl der Absolventen von Ingenieurstudiengängen in den Jahren 1991 bis 2004 von 42.512 um 6.512 auf prognostizierte 36.000, eine Abnahme um ca. 15%. Dies entspricht aber bei einem gleichzeitigen Ansteigen der gesamten Absolventenzahl von 168.933 auf 199.300 einer Abnahme des Absolventenanteils am jeweiligen Jahrgang von 25,2% im Jahr 1991 auf nur noch 18% im Jahr 2004. Folglich vermindert sich der Absolventenanteil in diesen Jahren sogar um gut 28%. Die Furcht vor einem Ingenieurmangel ist also -zumindest statistisch - gerechtfertigt. Bei den medizinischen Studiengängen

Tabelle fehlt

sinkt die Absolventenzahl im gleichen Zeitraum von 13.583 um fast 12% auf prognostizierte 12.000. Wieder auf die größere Gesamtzahl bezogen, bedeutet dies auch hier ein größeres Absinken des Absolventenanteils, nämlich am sogar 25%. Die Ärzteschwemme muss sich also - wenn sie sich bewahrheiten sollte - aus weiteren Daten wie der Altersverteilung der jetzt praktizierenden Ärzte ableiten lassen. Gleiches ist uns allen aus der Geschichte unseres eigenen Berufsstandes bekannt, in der "Lehrermangel" und "Lehrerschwemme" Phänomene im Abstand weniger Jahrzehnte sind. Die "Gewinner" der Statistik sind die Absolventen der Rechts-, Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften, bei denen sowohl die absoluten als auch die prozentualen Anteile steigen...

aus: Gymnasium in Niedersachsen Juni 1999


zurück Übersicht weiter