Tilman-Riemenschneider-Gymnasium Osterode am Harz
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Weltmeisterschaften in Australien: Ein Stück Rollsportgeschichte geschrieben

Eigentlich waren wir ohne konkrete Vorstellungen an die australische Gold Coast geflogen, mit dem Gedanken "Dabeisein ist alles" und der Hoffnung, eventuell doch eine Medaille bei den allerersten Weltmeisterschaften im Rollkunst-Formationslaufen ergattern zu können. "Wir", das sind 14 Rollkunstläuferinnen, 2 Läufer und eine "Ersatzfrau" aus Braunschweig, Wolfsburg, Einbeck, Hameln, Aerzen und Osterode. Das einzige, was wir vor unserem Abflug wussten, war, dass noch zehn andere Formationen in Surfers Paradise am Start sein würden: drei aus den USA, drei aus Australien, zwei aus Neuseeland und zwei weitere aus Deutschland.
Auf dem Flughafen im australischen Brisbane wurden wir gleich sehr freundlich von den einheimischen Zollbeamten begrüßt. Sie schienen bestens über uns informiert zu sein. Als sie uns jedoch weismachen wollten, dass in "Down under" schon alle Angst vor uns hätten, konnten wir das nicht ganz ernst nehmen. Uns blieben noch drei Tage bis zum großen Auftritt, die natürlich mit ausgiebigem Training ausgefüllt wurden. Leider war es uns nur einen Abend möglich, in eine der total belegten und außerdem teuer zu mietenden Hallen zu schlüpfen. So mußt man sich hauptsächlich aufs wenige effektive Trockentraining beschränken. Hierzu muß ich wohl erst einmal sagen, dass sich das Formationslaufen größtenteils aus Schritten um Figuren wie zum Beispiel Kreisel und Blöcken zusammensetzt, di dann möglichst schnell über die Fla ehe wandern. Das alles soll natürlich völlig synchron und passend zur aus gewählten Musik passieren, mit eine tollen Choreographie, strahlenden Gesichtern, fetter Schminke und netten Kleidchen (für die Herren natürlich ohne Schminke und in Anzügen) Beim Training ohne Rollschuhe ist das "Wandern" jedoch so gut wie unmöglich und das Abspielen dei Kürmusik kann man sich auch sparen.
Aber da gibt es ja noch unseren Braunschweiger Trainer, der immer eine hilfreiche Trainingsidee parat hat. So landeten wir, ehe wir uns versahen, in der Tiefgarage unserer Ferienappartments und drehten unser« Kreise um die zahlreichen Autos herum. Am Wettkampftag bestand dann noch einmal die Möglichkeit, in der Halle für den Ernstfall zu proben. Dabei konnten wir uns dann auch einen Überblick über einen Teil unserer Konkurrenz verschaffen. Wir erkannten schnell, dass entgegen allen unseren Erwartungen die größten Rivalen nicht aus den USA, sondern aus unserem eigenen Land kamen: die Deutschen Meister aus Hanau, die unser "Dream Team" im Sommer zum ersten Mal knapp besiegt hatte, und das dritte deutsche Team aus Ober-Ramstadt.

 

Bei unserer Generalprobe ging dann wirklich alles schief, so dass zeitweise durch einen ungeschickten Sturz vier Läuferinnen auf einmal auf dem Parkett lagen. Kaputte Strumpfhosen und etliche blaue Flecken waren das Ergebnis dieses Trainings und ließen uns, als es ein paar Stunden später endlich ernst wurde, ganz schön zittern. Während der eineinhalb Minuten des Einlaufens und der 4-Minuten-Kür verflog die Nervosität dann jedoch superschnell, und nach sechs Minuten war alles vorbei, oder besser: fing alles erst richtig an! Aus den Hallenlautsprechern dröhnten die Wertungen bis hoch zu 9,6 oder 9,7 (vor Aufregung habe ich es selbst nicht ganz mitgekriegt). Da wir als drittletzte Formation starteten und unsere größten Konkurrenten schon vor uns am Start gewesen waren, stand das Ergebnis bereits so gut wie fest. Nur leider wußte niemand die genauen Wertungen der anderen. Einige von uns kamen zu mir und umarmten mich mit Tränen in den Augen und den Worten "Wir haben es geschafft, wir sind Weltmeister!" Andere meinten ein wenig enttäuscht: "Wenn wir Glück haben,dann sind wir noch Dritte", "die Hanauer hatten höhere Wertungen" oder "die eine Gruppe aus Australien war auch richtig gut." So wußte ich überhaupt nicht mehr, was ich denken sollte. Immer noch ganz durcheinander sind wir schließlich auf die Tribüne gestiegen, wo uns dann eine Läuferin der Ober-Ramstädter endlich Gewissheit verschaffte: "Gratulation! Ihr habt's." Da war das Geschrei natürlich riesengroß. Wir lagen uns alle in den Armen und die Tränen kullerten nur so. Aber ich glaube, in diesem Moment haben wir noch gar nicht wirklich verstanden, was geschehen war.
Erst als bei der Siegerehrung die deutsche Nationalhymne erklang und jedem eine Goldmedaille um den Hals gehängt wurde, war uns wirklich bewusst, dass wir ein Stück Rollsportgeschichte geschrieben hatten: Wir sind die allerersten Weltmeister im Rollkunst-Formationslaufen, und daran wird sich auch nichts ändern, selbst wenn wir im Jahr 2000 in Boston nicht unseren Titel verteidigen sollten. Diesen Augenblick werde ich wohl nie in meinem Leben vergessen!

Angela Schwerdtfeger, Jg. 13


Weitere Informationen über die Weltmeisterschaften im Internet unter folgenden Adressen:
http://www.rollersports.org.au/worlds (/results/day7, day8 oder /profile) http://www.sportingimages.com.au (/weekly-events und rollersports und dreamteam)

Erfolge der Rollkunstläuferinnen des Gymnasiums im Jahr 1999: Angela Schwerdtfeger:
- dreifache Niedersächsische Landesmeisterin in der Pflicht, Kür und Kombination
- 6. Platz in der Kür und Kombination bei den Norddeutschen Meisterschaften
- 9. Platz in der Kür und 11. Platz in der Kombination bei den Deutschen Meisterschaften
Niedersachsenformation II mit Saskia Nagat, Anne Fritscher und Angela Schwerdtfeger:
- Niedersächsische Vizemeister im Rollkunst-Formationslaufen
- 1. Platz beim Niedersächsischen Kürwettbewerb
- 4. Platz bei den NDM
- 7. Platz bei den DM Niedersachsenformation I, "Dream Team" mit Angela Schwerdtfeger:
- Weltmeister im Rollkunst-Formationslaufen


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