Wie jedes Jahr begrüßten wir auch Ende Januar 1999, an einem Freitagabend, Madame Chretien, ihre Kolleginnen, ihren Kollegen und die Schülergruppe aus unserer französischen Partnerstadt Armentieres und freuten uns, dass alle gesund und munter eingetroffen waren, wenn auch Madame Chretien über Unwohlsein klagte. Am Sonntag war Madame Chretien bereits im Krankenhaus. Die besorgten Fragen ihrer Schüler und Schülerinnen während des Tagesausflugs am folgenden Montag und die Betroffenheit, die sich auf ihren Gesichtern widerspiegelte, als sie merkten, daß sie nur ausweichende Antworten erhielten, zeigten, wie sehr sie an ihrer Deutschlehrerin hingen. Die Tatsache jedoch, dass Madame Chretiens Ehemann trotz widrigster Witterungsverhältnisse noch während der Nacht nach Osterode fuhr, um seiner schwerkranken Frau nahe zu sein, die dann zwei Tage später im Krankenwagen in eine Spezialklinik nach Lilie gebracht wurde, konnte den Schülern nicht mehr verheimlicht werden. Die enorme psychische Belastung, unter der der Schüleraustausch während der gesamten Woche litt, war kaum zu ertragen, zumal die schreckliche Diagnose bald vielen bekannt war: Bösartiger Gehirntumor!
Die Operation schien zunächst erfolgreich zu sein, und wir schöpften wieder Hoffnung. Madame Chretien besaß ungeheuren Lebensmut und Durchhaltewillen; ihr Glaube gab ihr die nötige Kraft und Energie. Ihre fröhliche, frische Stimme am Telefon ließ vergessen, dass man mit einer Todkranken sprach. Sie hatte sich vorgenommen, trotz aller Rückschläge, die während der postoperativen Behandlung auftraten, uns während unseres Gegenbesuches im April außerhalb des Krankenhauses zu begrüßen. Und sie hat es geschafft! Als unsere Gruppe am Abend nach unserer Ankunft in Armentieres offiziell empfangen wurde, saß sie, wenn auch sehr geschwächt und abgemagert, auf einem Stuhl und lächelte uns zu. Madame Chretien hatte keine eigenen Kinder; dafür hatte sie in der Schule Hunderte, um die sie sich mit Verstand und Herz kümmerte. Sie sorgte sich um jeden einzelnen, legte Wert auf dessen gute Erziehung, auf seine persönliche Entfaltung, freute sich über seine Erfolge und versuchte, Mißerfolge von vornherein so weit wie möglich auszuschließen. Das Niveau, das sie von ihren Schülern forderte, war hoch gesteckt; aber sie ermunterte sie ständig und förderte sie so intensiv, dass sie die erwarteten Leistungen in den meisten Fällen auch erbringen konnten. Noch höher jedoch waren die Forderungen, die sie an sich selber stellte. Die Austauschbegegnungen wurden von ihr bis in alle Einzelheiten perfekt organisiert: Auf das, was Madame Chrétien sagte und tat, konnte man sich hundertprozentig verlassen. Auch während der jährlich wiederkehrenden Aufenthalte in Osterode suchte sie den ständigen Kontakt mit den deutschen Gasteltern und den Kolleginnen und Kollegen, die mit ihr vor Ort den Austausch betreuten. Sie war glücklich, wenn alles reibungslos funktionierte, wenn alle zufrieden waren, wenn sich ihre Schülerinnen und Schüler in den deutschen Familien und in der Schule wohlfühlten. Ihr herzliches, aufrichtiges und großzügiges Wesen begeisterte alle, die mit ihr zu tun hatten.
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Auch die deutschen Schülerinnen und Schüler schätzten ihre zupackende und unternehmungslustige Art und das echte Interesse, das sie ihren sprachlichen Fortschritten und der privaten und schulischen Programmgestaltung entgegenbrachte. Vielen von ihnen war nicht bekannt, dass Madame Chrétien eine geborene Wienerin war. Sie wunderten sich nur manchmal, wenn sie in manche zu salopp geführten Gespräche korrigierend eingriff. Auf der anderen Seite wußten sie, dass ihnen Madame Chretien sofort helfen würde, wenn eine Sache schieflief. Nach unserer Rückkehr aus Armentieres Ende April 1999 hielten sich vier Monate lang Bangen und Hoffen die Waage. Anfang Juli sprach ich mit ihr zum letzten Mal am Telefon. Sie wollte wissen, wie es meinem leicht verunglückten Jüngsten ginge. So war sie: Sie, die selber ums Überleben kämpft, nimmt weiter Anteil am Leben ihrer Freunde, erkundigt sich nach dem Gesundheitszustand von deren Kindern und freut sich, wenn sie darüber Positives erfährt! Am 11. September 1999 ist Madame Chretien im Alter von 60 Jahren in Lilie gestorben. Fünf Tage später, am frühen Morgen, hat in der Sacre-Coeur-Kirche von Marcqen-Baroeil, ihrem Wohnort, eine ergreifende Trauerfeier stattgefunden, die in französischer und deutscher Sprache abgehalten wurde. Es waren viele Schüler anwesend. Eine junge Kollegin, die sich auf französischer Seite engagiert für den Schüleraustausch einsetzt, verlas von der Kanzel aus eine sehr persönliche, zu Herzen gehende Ansprache, an die Verstorbene direkt gerichtet. Es war ein Dank für all das, was sie uns gegeben hat. Einige Sätze möchte ich daraus zitieren:
"Nous voulions egalement tous te re-mercier pour ta grande disponibilite et pour la facon dont tu t'etais investie dans la vie du College, que ce soit au sein du club d'allemand ou de l'echange avec la ville d'Osterode. Ton perfectionnisme, ton efficacite et ton engagement dans toutes ces activites et dans ces echanges resteront presents dans tous les esprits. Tu manqueras aussi beaucoup aux professeurs et aux nombreux amis que tu t'etais faits en Allemagne. Tous ont soulign6 ton devouement et ta grande gentillesse." ("Wir wollten Dir auch für Deine große Hilfsbereitschaft danken und für die Art und Weise, wie Du Dich im Leben der Schule engagiert hattest, sei es im Deutschclub oder beim Austausch mit der Stadt Osterode.
Dein Perfektionismus, Deine Tüchtigkeit und Dein Engagement bei all diesen Aktivitäten und Austauschbegegnungen werden uns immer in Erinnerung bleiben. Du wirst auch den Lehrern und den zahlreichen Freunden fehlen, die Du in Deutschland kennen gelernt hast. Alle haben Deine Aufopferungsbereitschaft und Deine Liebenswürdigkeit unterstrichen.")
Madame Chretien wird in unseren Erinnerungen weiterleben; die jährlichen Schüleraustauschbegegnungen Osterode-Armentieres, die sie seit acht Jahren entscheidend mit geprägt hat, werden auch in Zukunft immer wieder Anlaß sein, uns an sie zu erinnern, an das, was sie für uns geleistet hat, an das, was sie für uns als Mensch, als Freundin, als Kollegin und als Erzieherin bedeutet hat.
K. Nölle-Meyer
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