Tilman-Riemenschneider-Gymnasium Osterode am Harz
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"Ich dachte, es war Zunge, dabei war es Frosch."

Ergebnisse einer Umfrage zum Schüleraustausch mit Armentières im März 2000

23 Schülerinnen und Schüler der Klasse 9f1 und 11 aus der Klasse 10f2 nahmen an dem Austausch vom 24. bis 31.3. in der Partnerstadt teil, nachdem sie ihre Correspondants im Februar bei deren Aufenthalt in Osterode kennen gelernt hatten. Da für den Besuch in Frankreich von den sehr engagierten Kolleginnen Agnès Marion (Collège Jean Rostand) und Nicole Defrance (Lycée Paul Hazard) ein mit mehreren neuen Zielen versehenes Programm ausgearbeitet worden war, wurde dies zum Anlass genommen, die Gruppe einmal über ihre Erfahrungen in Schule und Familien, zum Programm und zu persönlichen Ergebnissen und Eindrücken zu befragen. Von den an alle ausgegebenen Fragebögen kamen 30 (22 + 8) zurück und konnten ausgewertet werden.

Im ersten Abschnitt wurde nach Erfahrungen in der französischen Schule gefragt. Die Teilnehmer waren neugierig auf die Andersartigkeit des Unterrichts, der sich für sie besonders in den Fremdsprachenfächern D und E - eher "Schreiben" statt "Sprechen" - zeigte. [Das gilt sicher nicht für den engagierten, modernen Unterricht der beiden betreuenden französischen Kolleginnen. Anm. d. Autors]. Den meisten fielen der insgesamt andere Ablauf (Lehrervortrag, kaum Aufforderung zur mündlichen Beteiligung), die jüngeren Lehrer (!) und die größere Strenge auf: Der Unterricht wurde von fast allen als strenger, aber weniger interessant, locker und abwechslungsreich als in Deutschland beurteilt. Nur ein Drittel fand die Unterrichtsbesuche unwichtig oder uninteressant, da einige Klassen und Lehrer zu wenig auf den Besuch vorbereitet waren und die Gäste sich dadurch zu wenig beachtet fühlten.

Deshalb wurden auch Verbesserungsvorschläge gemacht: Die Deutschen sollten noch mehr in den Unterricht einbezogen und die Fächerauswahl besser getroffen werden. Favoriten sind hierbei E, D, Sp, aber auch M. Diesen Fächern konnten die Schüler/innen am ehesten in den Unterrichtsstunden folgen. Da ihr sprachliches Verständnis (Umgangs- und Fachsprache) noch nicht genug entwickelt ist, gab es vor allem Probleme in Geschichte und den Naturwissenschaften (Ph, CH), und auch den französischen Literaturun-terricht konnten sie schwer verste-hen. Zwei Schülerinnen gaben jedoch an, dass sie dem Unterricht bereits allgemein gut folgen konnten.

Auch die Klassenstufe sollte möglichst dem Alter

 

entsprechen, was trotz der von einigen Schülerinnen besonders hervorgehobenen und mit großem Lob bedachten Organisation in den Schulen offenbar nicht immer gegeben war. - Weitere Anmerkungen zum Thema Schule betrafen die überraschend strengen Verhaltensregeln in der Schule und auf dem Schulweg. Es wurde aber auch festgestellt, dass sich viele Schüler störend bemerkbar machten, was wiederum die Strenge der Lehrer provozierte.

In den Gastfamilien gab es offenbar nur selten Verständigungsprobleme; neben den üblichen Verwechslungen (genannte Beispiele: cheveux/che-vaux, fromage/chômage) kam es zu wenigen bemerkenswerten Missverständnissen (vgl. Titel dieses Artikels!). - Die Aufnahme in den Familien wurde überwiegend als "herzlich", bei einem Drittel als "normal" bezeichnet. 12 Teilnehmer/innen lernten mehr als drei, 8 mindestens ein weiteres Familienmitglied über die direkte Gastfamilie hinaus kennen. 15 Familien machten zusätzlich zum Programm Ausflüge und weitere Fahrten mit ihren Corespondant(e)s; in 13 Fällen wurde auswärts gegessen, 5 besuchten auswärtige Verwandte. Dabei hervorgehobene Ziele waren Bowling, englisches Kino und in einem Fall eine Familienfeier. Nur mit einer Schülerin wurde wohl wenig unternommen.

Trotz der Aktivitäten seitens der Familien verbrachten die meisten (23) oft mit anderen Deutschen und deren "Corres" ihre Zeit; 20 waren "oft", 8 "manchmal" (in einem Fall "gar nicht") mit ihren Partnern zusammen. Insgesamt hielten 23 den Aufenthalt in der Familie für "wichtig", 6 für "weniger wichtig". Dies zeigt deutlich die Richtigkeit der vor Jahren getroffenen Entscheidung, die Schülerinnen und Schüler nicht mehr in Jugendheimen unterzubringen.

Beim gemeinsamen Programm waren die Favoriten das Meeresmuseum "Nausicaa" in Boulogne-sur-Mer, die Großstadt Lille und Cap Blanc Nez an der Kanalküste; weniger wichtig erschienen der - zu kurze? - Besuch der Altstadt von Boulogne und die Brauereibesichtigung (weil sie "trocken" verlief?). Als "weniger wichtig" oder als "überflüssig" wurden die Ziele Klöppelschule, Mont Cassel und Mont Noir bezeichnet. Brauerei und Klöppelschule wurden darüber hinaus von einzelnen mit dem Prädikat "langweilig" oder "unnötig" versehen. Vielleicht wäre eine bessere Vorbereitung auf einzelne Ziele nützlich gewesen.


Die folgende Übersicht gibt die genaue Auswertung wieder (Mehrfachnennungen):


interessant wichtig weniger wichtig überflüssig
- Boulogne (Altstadt) 9 9 7 1
27 6 1 0
- Cap Blanc Nez 18 6 1 0
- Lille 20 6 4 1
- Brauerei 9 7 8 5
- Klöppelschule Bailleul 3 3 6 17
- Mont Cassel 1 9 10 7
- Mont Noir 3 6 9 7

Die nachmittägliche Begrüßungsfête im Collège wurde fast einhellig als "langweilig" oder "nicht so doll" apostrophiert; das lag an der "Tageszeit", der "Kontrolle" durch anwesende Lehrer und Eltern und an der "schlechten Musik" und der dadurch schlechten Stimmung. Manchen fiel auf, dass Deutsche und Franzosen getrennte Gruppen bildeten; ein(e) Schüler/in bekannte, dass der Alkohol fehlte.

17 Teilnehmer/innen möchten, dass mehr Ausflüge in der Gruppe mit den "Corres" stattfinden; 10 reichte das Angebot offenbar aus. Immerhin erklärten 23, daß sie bei dem gemeinsamen Tagesausflug an die Küste mehr mit ihren deutschen Freund/inn/en zusammen waren, nur 4 in der Regel mit ihren französischen Correspondants.

Die Hälfte von allen hatte keine Ideen für weitere Aktionen oder Ziele, war also zufrieden! Immerhin 6 Schülerinnen und Schüler würden gern einen Ausflug nach Paris einplanen. Sonst gab es im allgemeinen Einzelmeinungen, die spezielle Interessen widerspiegeln, z.B. Schlittschuhlaufen, Schifffahrt, Schwimmbad, Einkaufstag, Zoo u.a.m. Ein gemeinsamer sportlicher Wettkampf (wie in Deutschland) wurde auch gewünscht, und sogar der Wunsch nach einem Austausch über mehrere Jahre wurde laut. Nun, dem braucht nach dem schulischen Anstoß auf der privaten Schiene ja nichts im Wege zu stehen...

Die persönlichen Ergebnisse und Eindrücke sind sehr vielfältig. 27 Teilnehmer hielten den Austausch für richtig, 11 darüber hinaus für notwendig. 26 behaupten, besser französisch sprechen und 29 besser verstehen gelernt zu haben. 25 können jetzt die Lebensart der Franzosen besser verstehen (3 nicht). Einen eher positiven ("gut, ganz nett, schön, interessant, positiv") Eindruck von Nordfrankreich nahmen 27 mit; nur selten gab es die Meinung "gemischt, mittelmäßig, nicht so gut".

Schwer auszuwerten waren naturgemäß die Fragen "Mich hat folgendes überrascht:...", "Folgendes war anders, als ich es mir vorgestellt habe:..." und "Folgende Vorstellungen von Frankreich und den Franzosen haben sich bestätigt:..."; die Aussagen dazu können gemeinsam betrachtet werden Hier zeigt sich, dass doch unterschiedliche Vorstellungen von unseren Nachbarn im Westen in den Köpfen herumgeistern, so dass mehrfach gegenteilige Äußerungen zu verzeichnen sind.

Überraschend waren für einige die Gastfreundschaft, die ihnen entgegengebracht wurde, und das gute Miteinander von Alt und Jung in den Familien, auch bei größeren Veranstaltungen wie dem "Bal Fol".

 

Nicht in allen Familien werden die Kinder so streng erzogen wie erwartet, aber der Eindruck von wenig Freizeit bei den Jugendlichen ist geblieben.

Eine wichtige Rolle spielen die häuslichen Verhältnisse. Die Erwartung engerer Wohnungen und kleinerer Häuser wurde nicht immer bestätigt, und auch der Lebensstandard war i.a. höher als vorgestellt. Es gab dazu aber auch ausgesprochen negative Äußerungen. Auffallend waren mehrere Bemerkungen zu (fehlender) Heizung in einigen Zimmern und Wohnungen; immerhin war es Ende März teilweise noch empfindlich kalt.

Das Essen spielte naturgemäß eine zentrale Rolle: Neben Anmerkungen über das karge Frühstück (wenn überhaupt) wurde eher positiv berichtet. So beeindruckten die Zahl der Gänge beim Essen und die lange Dauer mancher Mahlzeiten; aber es fiel auch auf, dass die Franzosen deshalb normalerweise nicht mehr essen als wir Deutschen. Die Qualität des Essens in den Familien wurde gelobt (im Gegenteil zum Essen in den Schulkantinen). Der "typisch französische" Konsum von Wein und Käse hielt sich offenbar in Grenzen.

Manche waren überrascht, dass die französischen Corres auch abends aus dem Haus durften, dass aber trotz der Nettigkeit in der Familie strenge Erziehungssitten herrschten. Andere wurden davor gewarnt, abends noch durch die Stadt zu gehen. Die Stadt Armentières selbst hat keine besonderen Eindrücke hinterlassen, auf einige wirkte sie heruntergekommen oder verarmt.

Vielleicht können aus den Ergebnissen dieser - bei 30 Fragebögen sicher nicht ganz repräsentativen - Umfrage Rückschlüsse für die Vorbereitung weiterer Austauschfahrten gezogen werden. Insgesamt scheint der Austausch jedoch wesentlich mehr positive als negative Eindrücke hinterlassen zu haben. Und wenn dann einzelne überrascht sind, dass sich "meine Französin viel mehr mit mir unterhalten hat als in Deutschland" oder jemand "zum Schluss fast alles verstanden hat, was geredet wurde", dann können die Stadt Osterode als Träger und wir Lehrer/innen als vorbereitende und betreuende Personen durchaus zufrieden sein.

Hans Mittmann

(Der Austausch 2000 wurde begleitet von Frau Engelhardt, Herrn Schmidt und Ehepaar Mittmann.)


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