Tilman-Riemenschneider-Gymnasium Osterode am Harz
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Aus der Rede zur Abiturientenentlassung

.... Es ist wieder vollbracht. Das Jahr ist um. Die Bilanz wird gezogen. Die Zeugnisse werden verteilt. Es ist - für die meisten - gut gegangen, und für einige auch sehr gut!


Es geht nicht mehr lange gut
Es geht aber nicht mehr lange gut mit Ausbildung, Bildung, Erziehung in unserer Gesellschaft. Denn die Kluft zwischen dem, was Schulen leisten sollen, und dem, was sie derzeit leisten können, ist gewaltig. So groß, dass selbst Menschen, die keine ausgeprägte, verständnisvolle Beziehung zur Schule haben, Mitleid für Schule und Lehrer empfinden. Die meisten Lehrer verschleißen sich nämlich dabei, Löcher zu stopfen, für deren Entstehung sie nicht verantwortlich sind. Das deutsche Bildungswesen ist qua Ausstattung längst nicht mehr in der Lage, die gesteigerten gesellschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen, die es befriedigen soll.
Veränderte Bedingungen
Und außerdem ist dieses Bildungssystem längst den gesellschaftlichen Bedingungen nicht mehr angepasst, geht immer noch viel zu sehr davon aus, dass Familien noch so funktionieren wie in den 60ern und brave, bildungsbereite Schüler in die Klassen schicken.
Abtretung der Kindererziehung
Die moderne Arbeitswelt hat für Menschen, die keiner bezahlten, ganztägigen und außerhäuslichen Berufstätigkeit nachgehen, nicht viel übrig. Um mitzuhalten, haben die Eltern die Kindererziehung, die ihnen das Grundgesetz noch als ihr vornehmstes Recht und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht angesonnen hatte, an das bezahlte Lehrpersonal abgetreten. Doch damit waren Lehrer überfordert. Die Flucht aus dem Beruf, die an der Schule heute schon mit Mitte fünfzig einsetzt, ein unverhältnismäßig hoher Krankenstand und ähnliche Symptome sind eben kein Zeichen dafür, dass "Lehrer faule Säcke sind"! Es gibt keinen zweiten Beruf, der ähnlich systematisch überfordert wird wie der des Lehrers. Auch die beste Schule kann ja nur da weitermachen, bis wohin das Elternhaus mit seinen Erziehungsversuchen gekommen war. Um diese Misere zu beheben, kann man noch ein paar Ausschüsse zusammenrufen, ein paar Kongresse abhalten, kann hier und da auch ein bisschen streiken, die alten ideologisch bestens ausgestatteten Pädagogik-Seilschaften vorschicken. Man kann überhaupt so weitermachen wie bisher! Das wäre allerdings der beste Weg in die Katastrophe.
Schule am Rande der Gesellschaft
Innerhalb einer einzigen Generation ist die Schule aus der Mitte an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden. Den Lehrern, die früher einmal, als Georg Picht und seine Anhänger noch Hörer hatten, als die Generation einer besseren Zukunft umworben worden waren, ist die Rolle von Universalschuldnern für alles und jedes zugewiesen worden. Das eine war und ist so unbegründet wie das andere. Die Schule ist weder Schrittmacher noch Nachhut der Gesellschaft, sondern ihr Teil. Sie leidet an den vielen alternativen Lebensformen, deren Alternativcharakter sich vor allem darin zeigt, dass sie auf Kinder keine Rücksicht nehmen. Kinder heißt es, seien zu Opfern der Arbeitsgesellschaft geworden. Wenn das so ist, kann man der Arbeitsgesellschaft nicht viel Zukunft voraussagen - keine erfreuliche jedenfalls.
Ich spreche von einem gesellschaftlichen Notstandsgebiet, als das ich den Bildungssektor bei uns im Augenblick einschätze. Die Schule ist der Gesamtschuldner für Defizite, Fehlentwicklungen, Rückständigkeiten, Entwicklungsstaus der Gesellschaft geworden.
Fehlende Zufriedenheit
Eigentlich ein Bild des Jammers: Obwohl Schulen in Deutschland allerorten anders strukturiert sind, herrscht nirgendwo Zufriedenheit:
43 Prozent der deutschen Schüler kritisieren ihre Lehrer. 85 Prozent der brandenburgischen Lehrer sind angeblich, einer Studie der Universität Potsdam zufolge, erschöpft oder psychisch krank.

 

Eltern erwarten höchst Gegensätzliches von Schule, und nicht wenige flüchten vom staatlichen Schulwesen zu den Privatschulen. Die Handwerkskammern beklagen die schwachen Lese-, Schreib- und Rechenkünste der Schulabgänger. Die Großindustrie vermisst bei ihren Bewerbern Schlüsselqualifikationen wie Selbstständigkeit, Team- und Konfliktfähigkeit. Der Bundeskanzler mahnt mehr Kreativität und Innovationskraft an sowie Mithilfe beim Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft. Die politischen Parteien verweisen auf den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland, der international nicht wettbewerbsfähig bleiben könne, wenn sich nicht seine Schulen deutlich veränderten. Und Bildungsforscher wollen eine autonomere Schule anstelle der bürokratisch vom Ministerium gesteuerten Anstalt.
Die Lehrerverbände bedauern ihre ausgebrannten Mitglieder, die mit hoher Wochenstundenverpflichtung zu große Klassen unterrichten. Die Lehrer selbst beklagen sich darüber, dass sie unzulänglich aus- und fortgebildet sind. Und neuerdings gibt es sogar Schüler, die auf die Straße gehen und fordern: "Wir wollen anderes und mehr lernen." Dabei dachte man doch bis vor kurzem, sie würden sich über jede ausgefallene Schulstunde freuen.
Kein Lichtblick in dieser insgesamt grau getönten Zustandsbeschreibung?
Durchaus! Doch zunächst eine Beobachtung:


Besitzstände werden verteidigt
Die Mehrzahl der wirklichen Innovationen und Neuanfänge ist im privaten Sektor der Schule und Hochschule festzustellen. Das muss allen Verantwortlichen im öffentlichen Bereich zu denken geben. Zu häufig ist hier der Schritt ins Neuland verstellt durch lang gepflegte Tabus, durch verbissen verteidigte Besitzstände. Aber auch hier zunehmend Licht! Lehrkräfte, die engagiert und überzeugt nicht nur weitermachen, sondern in zäher Kleinarbeit das Neue befördern wollen; ein Schulträger, der trotz allgemein schwieriger Kassenlage in den öffentlichen Haushalten in die Ausbildung und damit in die Zukunft investiert; und Eltern, für die Erziehung kein Fremdwort ist und die in gelassener Zurückhaltung wissen, was Schule unter den politischen Vorgaben leisten kann und was nicht; und das am hellsten leuchtende Licht, die junge Generation.
Leistungen erbringen
Nicht alle, aber viele haben ein Beispiel gegeben, dass sie sich nicht nur für die eigene Note einsetzen, sondern außerhalb des Unterrichts (in Arbeitsgemeinschaften), auch außerhalb der Schule sich einsetzen, Leistungen für sich und andere erbringen.
Wir müssen zusammen aus diesem Notstandsgebiet herausfinden.
Und damit spreche ich direkt Sie an, die ersten Abiturientinnen und Abiturienten des neuen Jahrtausends.
Eine Aufgabe der jungen Generation
Wenn ein Teil der Älteren aus vermeintlichen sozialen Besitzstandswahrungen und aus vermeintlichen Rechtsansprüchen nicht mehr herauskommt, dann haben Sie als junge Generation die unmittelbare Aufgabe, dies für die gesamte Gesellschaft zu leisten. Zeigen Sie es jetzt den Besitzstandswahrern aller Orten, dass unsere Welt in der Zukunft anders aussieht, als es für die Gegenwart scheint!
Ich denke, dieser Tag ist auch Anlass für ein paar ernstere Bemerkungen. Sonst aber sollen Stolz und Freude über das Erreichte im Mittelpunkt stehen. Und natürlich die Neugierde und der Mut auf das Neue. Ich beglückwünsche Sie zum bestandenen Abitur....

(v. d. Redaktion gekürzt)


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