Aus der Dankesrede Roman Herzogs, Bundespräsidenten a. D., anlässlich der Verleihung des Humanismus-Preises des Deutschen Altphilologenverbandes:
"Ich gehe von einer Welt aus, die in 20 oder 25 Jahren so aussehen wird, dass es die Nationalst aaten noch geben wird, dass es darüber aber eine neue Schicht von politischen Organisationsformen geben wird, die man heute gemeinhin als Blöcke bezeichnet und in denen sich weltanschaulich orientierte Gruppierungen zusammenfügen: eineinhalb Milliarden Chinesen, von denen man nicht mehr genau weiß: Sind sie Kommunisten oder sind sie wieder Konfuzianer? Eine Milliarde Moslems unterschiedlicher Denominationen, eine Milliarde Hindus und so weiter, daneben ein paar Millionen Europäer.
Und ich gehe davon aus, dass gerade in der Zeit, in der die sogenannte Globalisierung sehr vieles im Leben der Menschen, im Leben der Völker zu vereinheitlichen sich anschickt, die Reaktion sein wird, dass die Völker sich wieder auf ihre Urgründe, auf die geistigen Wurzeln, aus denen sie kommen, besinnen werden.
Aber wenn Sie so viel durch die Welt reisen müssen, wie ich das in den letzten Jahren tun musste, dann empfinden Sie das ganz deutlich: Die Anderen - Moslems, Hindus, Konfuzianer - ich nenne nur wieder die drei: Die sind von ihrer Sache sehr viel mehr überzeugt. Die sind sich ihrer Sache sehr viel mehr bewusst als wir doch sehr "wischiwaschi" gewordenen Europäer. Die werden uns fragen: Was sind die Grundlagen eurer Kultur? Und sie werden uns genau darauf abklopfen, ob wir zu ihnen noch stehen, bei allen Veränderungen, die es im Laufe der Jahrhunderte gegeben hat.
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Und da sind Sie bei Jerusalem, da sind sie bei Athen, da sind Sie bei Rom. Das ist nicht alles, denn es ist auch die Frage, wann eigentlich der europäische Mensch begonnen hat, nicht nur aus der Antike zu leben und aus dem Christentum, aus den jüdischen Wurzeln des Christentums zu leben, sondern ab wann er begonnen hat, das zu werden, was wir heute sind, eine wissenschaftlich und technisch orientierte Gesellschaft.
Aber die Quellen, die Wurzeln sind dahinter, und von denen müssen wir Bescheid wissen. Das bedeutet, dass immer - jedenfalls unter denen, die erstens denken können und zweitens bereit sind zu denken - viele dabei sein müssen, die von der Antike Bescheid wissen, die auch bestimmte Dinge in ihrem Urtext lesen können, die philosophischen Fragen nachgehen können.
Nicht jeder muss Lateinisch können. Man kann romanische Sprachen auch lernen, wenn man nicht Lateinisch gelernt hat - obwohl ich aus eigener Erfahrung bekunden kann, dass es schon besser ist, wenn man diese Wurzeln hat.
Man versteht seine eigene Sprache besser, wenn man eine Sprache wie die lateinische gelernt hat ..."
Aus: Forum Classicum, 3/2000 (leicht gekürzt)
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