Tilman-Riemenschneider-Gymnasium Osterode am Harz
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Mehr als nur ein Buch:

Ihsan Kurtoglu:
"Die Türken im Landkreis Osterode am Harz, in Deutschland und in der Türkei"

Seit Anfang März dieses Jahres kann man das Buch unseres ehemaligen Kollegen Ihsan Kurtoglu erwerben, der 21 Jahre lang an unserer Schule Biologie (anfangs auch Mathematik) unterrichtete und 1995 in den Ruhestand ging. Diesen füllte er in den ersten fünf Jahren anders aus, als die meisten von uns es sich vorstellen können, denn er folgte einer Anregung des damaligen Leiters der GS Jacobitor, A. Schütze, und schrieb ein Buch - genauer gesagt: zwei Bücher!

Der HARZ KURIER (HK) vom 1. März 2001 berichtet: "Ihsan Kurtoglu hat ein Meisterstück vollbracht: er dokumentiert Geschichte und Leben seiner 1640 türkischen Landsleute im Kreis Osterode von dem Tag an, als der erste Gastarbeiter [richtiger: ausländische Mitbürger] als Forststudent (Praktikant) den Südharz betreten hat. Und das war 1958 der Autor selbst. Ihsan Kurtoglu kann noch etwas für sich in Anspruch nehmen: er hat deutschlandweit das erste Buch über "Die Türken" in einem Landkreis geschrieben. 1998 ist die türkische Fassung erschienen, jetzt kommt die deutsche auf den Markt."

Wer könnte also berufener sein als I. Kurtoglu, sich mit dem Thema der Türken in Deutschland zu beschäftigen! Auf eigene Initiative kam er als Student der Forstwirtschaft zu einem Praktikum nach Deutschland und arbeitete 1958 fünf Monate lang in einem Sägewerk in Wulften. Ende 1959 kehrte er nach Wulften zurück, heiratete dort seine Frau Inge und unterbrach seinen Aufenthalt in Deutschland nur für zwei Jahre Militärdienst in der Türkei, in denen er als sog. Reserve-Leutnant-Lehrer Schüler einer Grundschule in einem anatolischen Dorf unterrichten musste.

Wieder in Deutschland arbeitete er drei Jahre lang als Arbeiter in der Holzindustrie, dann 8 Jahre als Angestellter in einem Vermessungsbüro und danach im Gymnasium Osterode als Lehrer im Angestelltenverhältnis. Als Autodidakt hatte er die deutsche Sprache erlernt und ist seit Jahrzehnten als beeidigter Gerichtsdolmetscher und Übersetzer tätig, wodurch er den meisten Türken in unserer Stadt bekannt wurde. Und so nimmt es auch nicht wunder, dass er als Ruheständler nun zuerst für seine türkischen Landsleute eine Chronik ihres Hierseins schrieb und seit 1998 auf dieser Grundlage eine deutsche Fassung, die allerdings weit umfangreicher wurde und z.T. andere Inhalte umfassen musste. "Gab er den Türken noch viele Informationen über Osterode, Herzberg, den Landkreis Osterode und Deutschland, so informiert er die Deutschen über Land und Leute in der Türkei und über den Islam. So spricht der Autor Leser in zwei ganz unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Lebenskreisen an." (HK)

Sorgfältig hat Ihsan Kurtoglu recherchiert, in welchen Betrieben türkische Arbeiter tätig waren und sind, wann die ersten Frauen "nachgeholt" wurden und wann der erste Türke sich selbständig gemacht hat. Das liest sich dann so: "Mit 40 DM Kapital erstand er vier Kisten Bier und machte sich selbständig. Später nahm er auch Lebensmittel in sein Sortiment auf... Während Herr K. mit zwei kleinen Fahrzeugen an seine Kunden Getränke lieferte, half ihm seine Ehefrau, die 1966 nach Osterode kam, im Lebensmittel-laden."

 

Eine Leitlinie des Buches ist die Entwicklung vom alleinstehenden türkischen Gastarbeiter zur Familienzusammenführung und zum Nachwachsen der zweiten und dritten Generation, von den ersten Kindern und ihren Erfahrungen in der Schule bis zu Ausbildung und Studium, von der angeworbenen billigen Arbeitskraft, die mit der schmutzigen Arbeit in Deutschland die Familie in der Heimat unterstützt, zum Selbständigen, vom der Tradition verhafteten alten Familienoberhaupt zum in die deutsche Gesellschaft integrierten Jugendlichen. Mit Stolz listet er die türkischen Schülerinnen und Schüler auf, die an den Gymnasien in Oste-rode und Herzberg Abitur machten.

Wie es um die Integration aber tatsächlich steht, zeigt der Autor deutlich: "Sprache und Beruf seien das Erfolgsmerkmal für eine erfolgreiche Integration. Diese Integration wünschen viele Türken gar nicht, zu sehr bleiben sie ihrer Tradition verhaftet. In dieser Tradition spielt die Familie eine weit wichtigere Rolle als bei den Deutschen. So kommt es, dass die dritte Generation der hier geborenen und aufwachsenden Türken immer noch unter dem Einfluss der achtunggebietenden ersten Generation steht. Das muss man wissen, wenn man seine türkischen Mitbürger wirklich verstehen will. Ihsan Kurtoglus Buch leistet dabei einen nicht zu unterschätzenden Beitrag." (HK)

Als Grundlage für sein Buch wollte der Autor mit Hilfe eines Fragebogens bei seinen Landsleuten gründlich recherchieren: "Ein Flop. Kaum eine Antwort. Daraufhin nahm er sich die türkischen Vereine im Landkreis vor, gewann Kontakt zu Familien, hörte geduldig auf die Probleme der Landsleute, ihre Schwierigkeiten mit Behörden. Die Türken haben dieses Buch begrüßt. Den Deutschen wird es auch gefallen." (HK)

Ihsan Kurtoglu ist allerdings nur noch mit seinem Herzen Türke: Als er vor Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft beantragte, musste er seinen türkischen Pass abgeben. Seine Frau bekam durch die Heirat mit ihm jedoch auch die türkische Staatsbürgerschaft, die auch seine beiden Kinder besitzen. Und so schreibt er, sicher mit einem weinenden Auge, in seinem Buch: "Alle drei, die mit dem Türkentum sicher am wenigsten zu tun haben, besitzen beide Staatsbürgerschaften, ich nur die deutsche - als echter Türke."

Das Buch ist für alle gedacht, die sich für unsere türkischen Mitbürger interessieren oder direkt mit ihnen zu tun haben - als Informationsquelle, zur Überwindung von Vorurteilen gegenüber Fremden und als Anstoß für neue Kontakte. In wenigen Jahren hätte niemand mehr etwas über die Anfänge der Geschichte der türkischen Gastarbeiter im Kreis Osterode erfahren können, da die erste Generation ausstirbt oder in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Ihsan Kurtoglu ist zu danken, dass er mit seinem Werk einen wichtigen Beitrag zur Regionalgeschichte geleistet hat.

Hans Mittmann


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