Tilman-Riemenschneider-Gymnasium Osterode am Harz
QuickJump:         Suche:

Ingrid Kreckmann am 1. Juli 2006 im Harzkurier:

Hauchte seinem Werkstoff Leben ein

Vor 475 Jahren, am Abend Kiliania, verstarb der kunstreiche Tilman Riemenschneider in Würzburg

OSTERODE/WÜRZBURG. Bisher ließ sich nicht einwandfrei belegen, wann und wo Tilman Riemenschneider geboren wurde. Bekannt ist aber, daß er in Osterode seine Kindheit und Jugend verbrachte. Am 7. Juli 1531 verstarb er in Würzburg.
Im Jahre 1822 fand man in Würzburg beim Bau einer Umgehungsstraße im Erdreich zwischen Dom und Neumünster auf dem ehemaligen Leichhof ein Grabmal aus rotem Mainsandstein. Auf diesem ist der bartlose Tilman Riemenschneider mit einer Schaube, dem Umhang mit weiten Ärmeln, und einem Barett dargestellt. Auch das Familienwappen, -• der geschnittene Riemen, ist zu sehen. [Nach dem Tod seines Schwiegersohnes erfolgte die Veränderung des Steins in der unteren Hälfte.]
Bei der damals einsetzenden Forschung fanden sich vor allem in Würzburg, aber später auch in Osterode, Heiligenstadt und andernorts Dokumente, die es ermöglichen, sich ein Bild vom Leben des Künstlers zu machen, der als einer der bedeutendsten der Spätgotik gilt. Weitere Entdeckungen alter Schriften könnten vieles
bestätigen, was heute als Vermutung geäußert wird. In Heiligenstadt soll das allerdings nicht gut möglich sein: Der Leiter des dortigen Heimatmuseum, Wolfgang Friese, sprach davon, dass Krämer während des Krieges Tüten aus Dokumenten des Archivs drehten.

Riemenschneider in Osterode

Von Heiligenstadt kommend, trat Tilman d. Ä. um 1465 sein Amt als Münzmeister in Osterode an. Ein Schreiben aus dem Jahr 1468 bestätigt: Tyle Rymensnider ist „Möntzmeister zu Osterode und wonet doselbst". Es konnte herausgefunden werden, dass er in unserer Stadt ein eigenes Haus am Kohhnarkt besaß. Die Lage des Gebäudes, ebenso wie die der Münzstätte, läßt sich nicht mehr genau fe feststellen, da beide Häuser im Jahre 1545 dem großen Stadtbrand zum Opfer fielen.
Tilman d. J. wuchs mit seinen Geschwistern Magdalena und Nikolaus in Osterode auf. Seine Eltern - die Mutter Margarete stammte aus Gieboldehausen - reisten von Osterode mehrfach nach Würzburg, wenn der dort lebende Bruder des Münzmeisters, Nikolaus Riemenschneider, helfen sollte. Sei es, um seinem Bruder beizustehen, wenn er in Prozesse verwickelt war oder wenn es um Schulden ging. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Probst des St. Jacobiklosters zu Osterode wurde Tilman d. Ä. exkommuniziert.
Nikolaus Riemenschneider soll sich diesbezüglich an den Papst gewandt haben. Er hatte in Erfürt Kirchenrecht und Theologie studiert und besaß als hoher Beamter am Würzburger Domstift Ansehen und Einfluß. Tilman d. J. und seine Geschwister beerbten übrigens später diesen Onkel.
Die Kindheits- und Jugendjahren der drei Riemenschneider-Kinder waren wohl von Unruhe und Aufregungen überschattet.
Eine Ausbildung Tilmans d. J. zum katholischen Geistlichen erfolgte in der Mainzer Diözese Erfürt, 1479 wird er als clericus bezeichnet. Das erklärt das flüssige Schriftbild und das Bildungsniveau, das sich von dem anderer Handwerker - und als solche galten die Bildhauer - unterschied. In der Kunstmetropole Erfürt wurde er möglicherweise auch in seinem Handwerk ausgebildet. Zu jener Zeit war eine 4- bis 6-jährige Bildhauerlehre üblich. Darauf folgten die Wanderjahre. Experten gehen davon aus, dass Tilman Riemenschneider bei Meistern in Thüringen, am Oberrhein, in den Niederlanden und um Ulm herum seine Ausbildung genoß. Ab 7. Dezember 1483 ist „Tylman Rymenschneyder von Osterrode" in Würzburg dokumentiert. Zwei Jahre später steht in den Bürgermatrikeln der für uns bedeutende Hinweis: „Dile Rymeschneider Bildschnitzer von Osterrode In Sachsen ist Burger worden". Unser Osterode gehörte damals zu Sachsen.
Wir sollten uns den Bildschnitzer etwa 185 Zentimeter groß vorstellen. Warum? Nun, als er den Auftrag erhielt, für die Würzburger Marienkirche Skulpturen von Adam und Eva zu meißeln, sollte Adam „dreyer finger hoher dann meister Tyll" sein.
Während die meisten seiner Figuren in Gewändern dargestellt sind, findet sich in einigen seiner Werke eine bartlose Gestalt, die mit Umhang und Barett gekleidet ist. Man wertet sie als Selbstbildnisse, weil sie der Darstellung auf der Grabplatte stark ähneln. Der Name des Ausführenden war in jener Zeit nicht wich tig, nur sein Werk sollte Bedeutung haben. 1485, zwei Jahre nach seinem Eintreffen in Würzburg, heiratete er Anna Schmidt, geb. Uchenhofer, die Witwe eines Goldschmiedenleisters. Sie war die Mutter dreier Söhne und Besitzerin des Hauses am Wolmiannsziechlein. Diese Ehe ermöglichte ihn nach den Zunftgesetzen, Meister zu werden. Er beschäftigte bald „bei eigenem Rauch und Herd" Lehrjungen und Gesellen. 20 bis 30 Personen saßen vermutlich bei Tisch zusammen, wobei der Hausfrau und den Mägden viel abverlangt wurde. Die Tochter Gertrud ging aus dieser Ehe hervor. Nach dem Tod seiner Frau — Schicksalschläge dieser Art trafen ihn dreimal - schloss Tilman Riemenschneider mit Anna Rappolt seine zweite Ehe. Diese brachte vier jugendliche Geschwister mit. Den Eheleuten wurden eine Tochter, deren Name nicht bekannt ist, und drei Söhne geboren: Jörg Thilo, der später als Bildhauer des Vaters Werkstatt fortführte und um 1534 Geschwomer der Lukasbruderschaft war, Bartholomäus, als Bartimä Dill, ein „fümem kunstreich Maler", in Südtirol tätig und Hans Dyl, als Maler in Nürnberg dokumentiert, wo er später als Bildhauer wirkte.
Nach dem Tod der Frau erfolgte 1508 die 3. Eheschließung mit Margarete Wurzbach. Nachdem auch sie verstorben war, heiratete er 1520 eine Frau namens Margarethe. Im stattlichen Haus am Wolfmannsziechlein arbeitete Tilman Riemenschneider. Zu ebener Erde befanden sich die Werkräume, in denen gleichzeitig mehrere tonnenschwe re Steinblöcke - Somhofner Stein, Alabaster, Sandstein ' neben ausgewählten Lindenhölzern bearbeitet wurden. Tilman Riemenschneiders Einfluß war führend in der näheren Umgebung Würzburgs. Es gelang ihm, den Mitarbeitern seine Vorstellungen so eindringlich zu vermitteln, dass in seiner Werkstatt und unter seiner Aufsicht Arbeiten von höchstem künstlerischen Niveau entstanden. Es verwundert nicht, dass der Meister viele Aufträge erhielt. Lange Wartezeiten wurden in Kauf genommen.

Ratsmitglied ab dem Jahr 1504

Ab 1504 bekleidete Tilman Riemenschneider in Würzburg bürgerliche Ehrenämter und sein Rat galt viel. 21 Jahre blieb er Mitglied des Stadtrates und amtierte ein Jahr als Bürgermeister. Er traf zusammen mit anderen Ratsmitgliedem Kaiser Maximilian anläßlich eines Besuches. 1525, im Bauernkrieg, öffneten er und andere Ratsherren dem Bauernheer die Stadttore Würzburgs, womit sie dem Regenten, dem Fürstbischof Konrad von Thüngen, den Gehorsam verweigerten. Riemenschneider verlor nach achtwöchiger Kerkerhaft auf der Festung Marienberg, während der er auch gemartert worden war, Ämter und Ehren und einen Großteil seines nicht unerheblichen Vermögens. Seine Hände wurden von den Folterungen nicht betroffen, denn im Mai 1527 reparierte er noch Altäre in der Klosterkirche der Kitzinger Benediktinerinnen.
Nachdem Pastor Friedrich Schünemann und Studienrat Karl Grönig mit der Riemenschneider-Forschung begonnen hatten, fanden zur Erinnerung an den Bildschnitzer in Osterode vielfältige Würdigungen statt. Ein Abschnitt nahe der Bahnhofsbrücke, die heute Armentieres-Brücke heißt, wurde vor über hundert Jahren zum Tilman-Riemenschneider-Platz. Die Beschriftung auf dem dort stehenden Denkstein passte man vor einigen Jahren dem aktuellen Kenntnisstand an. Der Stein zeigt mittig das Wappen der Familie Riemenschneider, links das Osteroder Stadtwappen und rechts das der Stadt Würzburg. Rückseitig findet sich das Profil des Meisters. 1939 schrieb August Voß ein Theaterstück über das Leben Tilman Riemenschneiders. Einem Bericht des Osteroder Kreis Anzeiger zufolge stellte/ die Aufführung vor ausverkauftem Haus ein Ereignis in der Stadtgeschichte dar. Anläßlich der 800-Jahrfeier richtete man 1952 im Osteroder Museum ein Tilman-Riemenschneider-Zimmer ein. Im Museum im Ritterhaus sind heute bedeutende Kopien einiger bekannter Arbeiten zu betrachten. Eine große Sonderausstellung zu dem Bildschnitzer fand im Rahmen der OBRIA 1982 statt, die der Club der Philatelisten e. V.organisiert hatte. Mit einem Sonderstempel versehene Briefe gingen damals von Osterode in alle Welt. Nach dem Bildhauer wurden das gastliche Haus am. Fuchshaller Weg benannt und die Tilman-Riemenschneider-Buchhandlung.
Der Heimat- und Geschichtsverein Osterode am Harz und Umgebung begeht seit zehn Jahren den Todestag mit einer Feierstunde und Beiträgen namhafter Referenten. Das Osteroder Gymnasium wurde 2005 nach ihm benannt. Großfotos seiner Arbeiten - z. T. Spenden von Osteroder Familien - sind dort zu betrachten. Am 7. Juli diesen Jahres wird ein Sonderstempel anlässlich des 475. Todestages von Tilman Riemenschneider herausgegeben. und Dr. Hans-Peter Trenschel, der langjährige Leiter des Mainfränkischen Museums in Würzburg, wird zu einem Vortrag im Ratssaal erwartet.

Arbeit wirkt bis heute nach

Seit vielen Generationen lassen sich die Menschen von den Kunstwerken Tilman Riemenschneiders anrühren, die in einigen Kirchen, auf Ausstellungen und in Museen zu sehen sind. Sie wirken noch rund 500 Jahre nach ihrer Entstehung auf den Betrachter, weil der Meister seine Figuren als Persönlichkeiten mit individuellen Gesichtern, Haartrachten, Händen und Füßen (soweit sie sichtbar sind,) /schuf. Farbe benötigen sie nicht. Die Ruhe, Klugheit und Empfindsamkeit, die in den teils dramatischen Werken zum Ausdruck kommen, lassen sich wohl durch Tilman Rie'menschneiders Verbindung zur klerikalen Welt erklären. Auch dass er auf dem Grabstein nicht mit dem für einen Bildhauer typischen Handwerkszeugen sondern mit einem Rosenkranz in gefalteten Händen dargestellt wurde, deutet darauf hin. Und den Stein schlug sein ältester Sohn Jörg, nachdem der Vater die Augen für immer geschlossen hatte.

Quellen:

Friedrich Armbrecht: „Tilman Riemenschneider und seine Beziehungen zu Osterode am Harz", im Katalog der OBRIA 'S2, 8. Osteroder Briefmarken-Ausstellung. Hrsg. vom Club der Philatelisten e. V. Osterode am Harz;
„Tilman Riemenschneider Werke seiner Blütezeit". Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Mainfränkischen Museum 24. 3. - 13. 6. 2004; Hrsg. Claudia Lichte im Auftrag der Stadt Würzburg; Hier: Beiträge von Claudia Lichte, Hans-Peter Trenschel und Julien Chapius.

Schrift Der Hinweis in den Würzburger Bürger-Matrikeln vom 28. Februar 1485: „Dile Rymeschneider Bildschnitzer von Osterrode In Sachsen ist Burgen word uff...".
Gedenkstein
DerTilman-Riemenschneider-Gedenkstein in Osterode.


zurück zur Übersicht